Rocker und Behinderte – Motorradclub Akincilar und das Down-Syndrom 0

Über Klischees, Vorurteile und was man alles bei einer Portion Popcorn lernen kann


Ein Gastartikel von das bunte Zebra zur Spendensammelaktion des AKINCILAR Mainz 2015 e.V. für den Elternkreis Down-Syndrom Mainz e.V.

Was haben Sturmreiter und Familien mit Down-Syndrom Kindern gemeinsam?
Nichts, wie man auf den ersten Blick meinen könnte.
Wieso aber sammeln dann Mitglieder eines Mainzer Motorradvereines Geld für den Elternkreis Down-Syndrom?

Weil ihre Prinzipien Brüderlichkeit, Respekt und Höflichkeit sind, weil sie sich auf die Fahnen geschrieben haben, sich für wohltätige Zwecke zu engagieren und neue Freundschaften zu knüpfen und zu pflegen.

Respekt.
Respekt das nicht nur auf einer, ihrer, Internetseite zu schreiben, sondern ganz aktiv zu leben.

Mein Sohn und meine Tochter saßen an diesem Wochenende zum ersten Mal auf Motorrädern und durften auch die Helme tragen. Die haben gestrahlt und fand es toll.
Das Down-Syndrom begleitet uns nun gut 7 Jahre und wie alle Familien mit DS haben wir so ziemlich alle Reaktionen auf das Thema Behinderung im Allgemeinen und unseren Sohn im Speziellen erlebt.

Meine Kinder und ich habe extrem selten so viel Aufgeschlossenheit, Engagement und fröhliches Miteinander erleben dürfen, wie in der Zeit an dem Stand der AKINCILAR Mainz 2015 e.V.
Das ist es nämlich, was wir gemeinsam haben. Der Wunsch nach respektvollem Umgang und einer Grundhaltung, die die Vielfalt und Wertigkeit eines jeden Menschen in der Gesellschaft feiert. Was alle Beeinträchtigten schon immer fordern, das Team von Akincilar hat es einfach gemacht. Sie haben für ein buntes Miteinander geworben, Menschen aktiv angesprochen und mit vielen falschen Klischees zum Thema Down-Syndrom aufgeräumt.

Ihre „Waffen“? Neben Freundlichkeit und Beharrlichkeit waren es Popcorn, Frisbees, Lutscher, Informationsmaterial und die Möglichkeit sich mal selbst auf eine ihrer tollen Maschinen zu sitzen.

Ich verstehe, dass es einigen vorbeieilenden Mitbürgerinnen und Mitbürger nicht leicht gefallen sein muss, sich dem auf den allerersten Blick unvermeidlichen Klischee eines “türkischen Motorradrockers” in Kombination mit dem Thema „hoffentlich nicht ansteckender, geistiger Behinderung“ zu stellen und die allermeisten Mitmenschen vermieden dies dann auch, aber das hielt die Akincilars nicht davon ab, immer und immer wieder den ersten Schritt zu gehen und der Erfolg gab ihnen recht. Die Menschen, die sich auf einen Dialog einließen, verließen den Platz mit deutlich mehr Wissen, weniger Vorurteilen und ganz oft auch mit leckerem Popcorn.

In einer Zeit, in der Themen wie Flüchtlinge, Migration und ein neues Bundesteilhabegesetz für (oder besser gesagt gegen) Menschen mit Beeinträchtigung durch die Medien fluten und zum Teil Haltungen, wie sie die AfD vertritt, stärken, haben sich ein gutes Dutzend Menschen nicht davon abhalten lassen, ihre Ansprüche „neue Freundschaften knüpfen“, Brüderlichkeit, Respekt und Höflichkeit nach außen zu tragen und andere zu motivieren es ihnen gleich zu tun.

Das ist heute ganz sicher keine Selbstverständlichkeit mehr und deshalb kann man diese feine Aktion nicht genug wertschätzen. Ich weiß, dass das Down-Syndrom nicht ansteckend ist, aber ich würde mir sehr wünschen, das die Freundlichkeit und Wertschätzung, die wir live vor Ort erleben konnten, ansteckend war.

Dann könnte ich mir die Zukunft meines Sohnes Raphael mit Down-Syndrom deutlich bunter ausmalen.

Thomas Landini